Aufstiegsbericht
(Geschrieben vom Mainz 05 Fan Bratwurst )
Die Nummer eins in Rhein-Main sind wir
Mainz(bt) Noch sechs Minuten bis zum Abpfiff. Sechs Minuten, die
doch noch alles ändern können. Wer wüsste das besser als wir 05er - denkt
ans Vorjahr. Selbst Stadionsprecher Klaus Hafner fleht das Publikum am
Mainzer Bruchweg an, so lange in den Blöcken zu bleiben, bis auch das Spiel
in Karlsruhe abgepfiffen worden ist. Denn erst dann wird wirklich
feststehen, ob Aachen bei den Badenern nicht gewonnen hat und Mainz 05
deshalb aufgestiegen ist. Erstmals überhaupt. Ausgerechnet fast pünktlich
zum 100-jährigen Bestehen des Vereins.
Aber die Fans bleiben brav. Keiner steigt über den Zaun. Das macht niemand
in Mainz.
Stürmer Niclas Weiland läuft schnell noch mal an die Seitenlinie, um nach
dem Zwischenstand in Karlsruhe zu fragen. Immer noch 1:0 für den KSC. Auch
noch, als der Schiri in Mainz abpfeift. Aber niemand will recht jubeln, denn
der KSC und Aachen spielen immer noch. Erinnert Euch ans Vorjahr, als die
Eintracht uns auf den letzten Metern überholte. Nur nicht vorzeitig
schreien. So verstreicht eine knappe, aber quälend lange Minute. Dann bricht
es aus tausend Kehlen heraus: Jaaaaaa, wir steigen auf. Der KSC hat
gewonnen.
Nun bricht der Damm. Eine unbeschreibliche Jubel-Welle wogt durch das
schmucke Stadion. Der Frust der vergangenen beiden Saisons mit den
verpatzten Aufstiegen entlädt sich in schier grenzenloser Euphorie. Die
Menge drängt durch die nun geöffneten Gitter aufs Grün, johlt, huldigt dem
Trainer - "Jürgen, Jürgen" -, der sich der Umarmungen kaum erwehren kann.
Tausende Fans, die nicht mehr ins Stadion kamen und draußen vor diversen
Bildschirmen und in Kneipen verbrachten, brechen nun buchstäblich durch die
Eingangstore. Bauzäune fallen, Schilder stürzen um. Welch ein Glück, dass
die Aufstiegsfete an den Gutenbergplatz vor das Mainzer Staatstheater
verlegt wird.
Nur zögerlich leert sich das Stadion. Dafür pilgern tausende aus allen
Richtungen herbei, ein rot-weißer "Rosenmontagszug" aus Fahnen, Schals und
hupenden Autos. Jubel, Schreien und Johlen. Manche alte Bekanntschaft taucht
da wieder in der Menge auf. Du hier? Erinnerungen werden wach: "Weißt Du
noch, damals gegen Borussia Neunkirchen?" Ja, da hießen die Gegner noch
Schiffweiler, Völklingen, Salmrohr oder Pirmasens. Nur ein Häuflein
Zuschauer verirrte sich damals an den Bruchweg, der liebevoll Stadion
genannt wurde, aber eher einer Bezirkssportanlage glich.
Das ist keine 20 Jahre her. Heute jedoch kommt Selbstbewusstsein auf. "Die
Nummer eins in Rhein-Main sind wir." Und man blickt mit einer Mischung aus
Genugtuung und Mitleid 40 Kilometer weiter nach Osten. "Scheiß Eintracht
Frankfurt". Immer wieder. Die Schmach vor einem Jahr - nun wird sie
aufgearbeitet. Jetzt ist die Eintracht da gelandet, wo die Mainzer seit 1990
ununterbrochen gespielt haben: in der Zweiten Liga. Aus der grauen Maus von
einst ist ein Löwe geworden.
Ob er auch gut brüllen kann, muss er noch zeigen, doch Jürgen Klopp hat
keine Bedenken. Er brüllt schon mal demonstrativ ins Mikrofon. Spannung
abbauen. "Wir werden so heiß in die Liga starten, wie das nie zuvor eine
Mannschaft getan hat", verspricht er vom Balkon des Theaters der jubelnden
Menge. Bier fließt in Strömen. Überall haben sich die Menschen versammelt,
auf den Balkons und an den Fenstern. Die Veranda des China-Restaurants
gegenüber - trägt die denn wirklich all diese Personen? Das ehrwürdige Haus
des Deutschen Weins öffnet die Türen nun auch für Fans, selbst wenn diese
nur ein dringendes Bedürfnis hereintreibt. Kollektiver Freudentaumel.
Ringsum wogt ein Meer von Fastnachtsfarben auf dem Gutenbergplatz. Ja, wie
Rosenmontag im Mai. Und genau das verspricht Torwart Dimo Wache. "Jeder
Mainzer bekommt morgen frei", sagt Kloppo. Schön wär's. Aber er weiß, dass
einen Tag später zur offiziellen Feier an der selben Stelle wohl wieder
mindestens 25.000 da sein werden.
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